Der Serieblog

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Mal eben den Fußraum wechseln

Was machen normale Menschen am Dienstag abend, wenn sie am Freitag in Urlaub fahren? Normale Menschen arbeiten proaktiv an ihrer prevacantinalen Scheidung indem sie sich heillos über Stau- und Packpläne zur maximalen Ausnutzung ihres Vans (sprich Wahns) zerstreiten, da Urlaub mit dem Auto gleichbedeutend mit dem Exodus aus der geliebten Sicherheit des tujaumfriedeten Heimes ist, man also versucht ist alles, aber auch wirklich alles mit zu nehmen. Urlaub als Ort der Entspannung ist die gebuchte Fiktion, welche zunächst als beängstigende Zusammenrottung von unwägbaren Eventualitäten empfunden wird. Gegen die wappnet sich der normale Autourlauber mit allerlei Doppel- und Dreifachversicherungen gegen so ziemlich alles und planvoller Überladung seines Fahrzeuges mit Dingen für eben alle erdenklichen Eventualitäten. Zur Freude der Nachbarn wird dieses Stück gerne als kostenfreies öffentliches Drama aufgeführt und gehört zum festen Kulturrepertoire in den Einfahrten bundesdeutscher Wohnsiedlungen.

Seriefahrer hingegen gehen am Dienstag vor dem Urlaub entspannt wie ein hundertjähriger Jogi auf den Hof und fangen an den Fußraum aus der Schottwand zu flexxen. Das ist von daher dringend nötig, weil ich es a.) noch nie gemacht habe und bis Freitag eigentlich keine Zeit mehr für sowas ist und ich b.) ab Freitag Offroaden bin und mit dem Loch im Beifahrerfußraum wird meine geliebte bessere Hälfte nach der ersten Schlammdurchfahrt wie das Ding aus dem Sumpf aussehen. Ausserdem habe ich mich schon lange nicht mehr um den Maßnahmennachbarn gekümmert. Zeit die Flex in die Hand zu nehmen.

Das Ersatzteil von SPI ist noch aus der Zeit, da die Firma Qualität geliefert hat, also Jahre her. Gibt es SPI überhaupt noch? Egal, viele gehen bei dem Austausch des Fußraumes so vor, dass sie gerade, zusammenhängende Flächen rund um die Löcher aus dem Ersatzteil schneiden und diese dann einschweißen. Sinnvoll, allerdings sieht der Fußraum schnell aus wie der Hals von Frankensteins DIY Monster. Mit Blick auf die vielen geschichteten Lagen Bleches mit denen die Pedalausschnitte zugemacht wurden, entschließe ich mich für eine Komplettextraktion. Doch zunächst etwas Vorbereitung. Da ich eigentlich keine Zeit habe, baue ich nur aus, was man unbedingt ausbauen muss. Schnell stelle ich fest, dass die Definition von “nur das nötigste”das im Bereich der Bodenbleche schlicht und ergreifend einfach alles umfasst, was rausschraubbar ist: Beide Bodenbleche, Getriebetunnel, und Kupplungsglockenabdeckung. Lüfter und Wärmetauscher im Motorraum lasse ich erstmal drin.

Bis hierhin hätte ich mit Blick auf Freitag noch zurückgekonnt. Nun ich fahre nicht umsonst weitgehend ohne Plan zum Offroaden nach Nordosteuropa. Den Zuversichtlichen gehört die Welt. “Wird schon”, “Passt” und “Muss” sind die Imperative des Wagemutigen. Beherzt schaffe ich also Fakten und schneide einem Abstand von etwa einen Zentimeter entlang des Mittelteiles der Schottwand den Point-of-no-return ins Blech. Dann wende ich mich der anderen Seite zu. Nach Entfernung des letzen Kordurarestes der Deluxeausstattung ist die erste Verbindung zur A-Säule klar ersichtlich: Das gekanntete Blech ich auf das Dichtungsrofil aufgepunktet. Beim letzten Mal habe ich so eine Britisch verpunktete Klebung durch Aufbohren der Punkte gelöst. Diesmal will ich einen anderen Weg versuchen und stemme mit dem Karosseriemeißel die Falz etwas auf, um dann mit der Trennscheibe zwischen die Bleche zu fahren. Zeitersparnis zum Punktebohren gefühlte 1000%. Dass ich dabei ins innere Fußstück der A-Säule schnitt ist lässlich und dem Bratzler schnell behoben. Die komplizierteste Stelle ist der Ansatz oben an der A-Säule. dorrt treffen Verstrebungswinkel und Fußraumfomteil aufeinander und werde von eben dort zusammengefügt, wo ich jetzt nicht rankomme: motorseitig. Da ich nicht den leisesten Hauch einer Lust verspüre “mal eben ” den Kotflügel runter zu nehmen, taste ich mich mit der Trennscheibe Stück um Stück von Innen an die Naht. Tipp: Mit großen Schnitten alles, was man nicht mehr braucht raus zu trennen. Man gewinnt schnell den nötigen Handlungsspielraum und der Funkenregen kann endlich unters Auto und wird nicht mehr zwangsweise in mein Gesicht umgeleitet. Zwischendrin musste ich dann doch den Lüfter ausbauen, was sich hinsichtlich seiner äußeren Verrostung auch als sinnvoll erwies, konnte ich ihn bei der Gelegenheit eben unter die Drahthexe halten und neu streichen. Der Wärmetauscher kann bei der Aktion tatsächlich drin bleiben. Nur beim Schnitt oben entlang des Mittelteiles sollte man ihn mit einem Holz aufkeilen, da man ansonsten in den Fuß schneidet. Fragt mich nicht woher ich das weiß. *sigh*

Nach geraumer Zeit sind dann alle Teile des alten Fußraumes draussen und ich gehe zur Phase Zwei über: Anpassung des neuen Fußraumes. Anhalten, Sinnvolle Schnitte bestimmen und abschneiden ist das Programm. Oben nehme ich über die Breite etwa 1,5cm ab, damit die Schweißnaht deutlich unter die Sichtkannte rutscht. Rechts oben schneide ich eine Ecke ab. Dort sitzt bei meinem rechtsgelenkten Landy ein Block des Gasgestänges auf der Schottwand. Durch die Kappung der Ecke erspare ich mir den Ausbau. Motorseitig kontern und auf der Innenseite aufschrauben ist extrem sportlich, was für Spezialisten, die bereits die höheren ZEN Weihen empfangen haben. Zumal bei völlig vergammelten Schrauben die zum abreißen neigen. Hatte ich heute schon, muss ich nicht nochmal haben. Also Ecke kappen.

Nachdem alles angepasst ist streiche ich erstmal alles, vor allem die Stellen an die man sonst nicht so gut kommt mit Bundesbahnlack. Das ist Eisenglimmer, eine Farbe, die dafür gemacht wurde, dass sie von maximal lustlosen Streckenarbeitern bei strömenden Regen auf Masten und Geländer gejaucht wird, um diese für die nächste Ewigkeit vor der Oxidtransformation zu bewahren. Und sie tut genau das. Nach drei Stunden soll der Staubtrocken sein, nach 12 Stunden Überarbeitbar. Ich habe keine Zeit und bestimme den geeigneten Zeitpunkt mit den Fingertapsentest: Macht auf dem Lack Tapsen, aber am Finger keine Flecken, also nach einer starkebn halben Stunde ist der Moment da ich das Teil ins Auto wuchte und mit dem Schweißgerät anhefte. Immerhin rauscht mir die Achtuhrwohngebietslärmgrenze wie ein Güterzug entgegen und ich habe hier einen Job zu erledigen. Aber vorher noch die Löcher für den Heizungslüfter einbringen, da das hinterher nicht mehr gehen wird.

Im Motorraum verreckt mir dann auf die lezten zwanzig Zentimeter der Gegennaht die Spule vom Schweißgerät. Unritisch, die Naht weit nach unten. Exakt fünf vor Acht schrubbe ich mit der Flex die Nähte sauber. 20:00 ich bin fertig und der Maßnahmennachbar schießt gestikulierend auf den Hof. Ob ich die Uhr lesen könne, es sei nach acht. Ob er hören könne, keine Flex. Ich werde jetzt streichen, er verlässt die Arena, nicht ohne die Aufforderung leise zu streichen. Leise streichen. Spaßkeks, denke ich und singe streichenderweise  den Beatlessong vor mich hin der mir schon den ganzen Tag im Ohr rum geht: Let it be. Alle Nähte und Kanten nochmal mit eisenglimmer gejaucht: fertig. Morgen kommen dann eben noch die An- und Einbauteile rein. Vielleicht auch etwas Hellelfenbein drüber.

Wichtig:

1. Beim Schweißen unbedingt die Batterie trennen, wenn euch eure Lima lieb ist.

2. Immer einen Eimer Wasser und einen Löscher in Griffweite haben.

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